Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Risiko an einer Depression oder Angst-Störung zu erkranken, anhand der Aktivität der Amygdala vorausgesagt werden kann. Bei einer Depression ist die Amygdala besonders aktiv, das hatten bereits frühere Hirnscans gezeigt. An der Studie nahmen 340 junge Menschen zwischen 18 und 22 teil. Die Wissenschaftler zeigten ihnen wütende und ängstliche Gesichter und maßen dabei die Aktivität der Amygdala. Dann wurden die Studienteilnehmer alle drei Monate nach belastenden Erlebnissen befragt. Ein bis vier Jahre später hatten die Teilnehmer mit hoher Aktivität stärkere psychische Probleme, als diejenigen mit schwächerer Aktivität. Eine hohe Aktivität könnte auf das Risiko hinweisen, so die Forscher, später im Leben irgendwann einmal psychisch zu erkranken.

Die Amygdala ist Teil des Limbischen Systems, das als Gefühlszentrum bekannt ist. Sie wird wegen ihrer Form auch als Mandelkern bezeichnet. Jeder Mensch hat zwei Mandelkerne, die rechts und links hinter den Augen sitzen. Das Gefühlszentrum funktioniert wie eine Schaltzentrale, durch die alle Sinnesreize hindurchgeleitet werden. Jeder Sinnesreiz passiert die Mandelkerne. Sie überprüfen, ob der Reiz gefährlich ist. Dazu verknüpfen sie den Reiz mit Informationen, die eine Einordnung in bedrohlich oder nicht bedrohlich ermöglicht. Bei Bedrohung lassen sie Angstgefühle entstehen und stoßen die Stressachse an. Daher werden die Mandelkerne auch als Angstzentrum bezeichnet. Kleine und wenig aktive Mandelkerne sind mit wenig Angst- und Stress-Gefühlen verbunden. Große und aktive sind dagegen ein Zeichen für viel Angst und Stress.

Wenn die Amygdala Alarm schlägt, wird eine Kaskade von Stresshormonen ausgeschüttet, die den Körper für Kampf oder Flucht optimal vorbereiten. Das Herz schlägt schneller, die Atmung ist flacher, der Blutzucker höher. Dies geschieht blitzschnell, während das Großhirn noch schlummert. Es erfährt erst Millisekunden später von der Gefahr. Später denken wir natürlich, wir hätten die Gefahr bewusst wahrgenommen. Dies ist aber ein Trugschluss, denn die Amygdala war schneller. Die Haare stehen Ihnen bereits zu Berge und Sie wissen noch gar nicht warum. Den Grund liefert erst Ihre Großhirnrinde.

Wenn Sie in Panik geraten, dann ist die Amygdala sogar in der Lage, das Denken auszuschalten. Sie ist über eine breite Datenautobahn mit dem Großhirn verbunden. Im Panikzustand ist dann nur noch der archaische Stress-Mechanismus aktiv. Denken wäre in diesem Zustand überflüssig, denn es würde zu viel Energie verbrauchen. Nachteilig ist allerdings, dass Sie die Realität nicht mehr richtig wahrzunehmen. Sie haben einen Tunnelblick und sind fixiert auf die Gefahr. Könnten Sie nach rechts und links sehen, kämen Sie vielleicht auf eine kreativere Lösung des Problems oder wie Sie der Gefahr entkommen.

Eine beidseitige Zerstörung der Mandelkerne führt bei Tieren zum „Verlust von Furcht und Aggression, gleichzeitig aber auch zu Reizgebundenheit und gesteigerter sexueller Aktivität.“ (Spektrum, Lexikon der Neurowissenschaften) Bei Dauerstress dagegen wächst die Amygdala. Tierversuche haben gezeigt, dass eine chronische Stressbelastung zu einer höheren Dichte an grauer Substanz (mehr Zellkerne) führt. Dieser Zusammenhang ist noch nicht am Menschen belegt. Die oben genannte amerikanische Studie bestätigt jedoch den Einfluss der Amygdala auf das emotionale Stressempfinden.

Damit eine Depression oder Angststörung erst gar nicht auftritt, empfehlen die amerikanischen Forscher, besonders gefährdete Menschen mit Medikamenten zu behandeln, die die Aktivität der Amygdala dämpfen. Es gibt aber auch eine schonendere Art, die Struktur der Amygdala zu beeinflussen. Bei langzeitmeditierenden Mönchen hatten Forscher bereits vor 10 Jahren eine kleinere Amygdala im MRT beobachtet. 2009 konnte ein Forscherteam um Britta Hölzel diese Beobachtung bei normalen Menschen nach einem Achtsamkeits-Training bestätigen. Für die Studie suchten sie 27 sehr Gestresste und maßen deren Amygdala-Dichte. Dann besuchten die Studienteilnehmer einen MBSR-Kurs. Schon nach 8 Wochen hatte die rechte basolaterale Amygdala eine deutlich geringere Dichte an grauer Substanz (weniger Zellkerne) und damit auch eine geringere Aktivität. Der Mandelkern war eindeutig geschrumpft.